Das beste Jobtraining der Welt

Im Laufe meiner Karriere habe ich schon viele Seminare besucht, Fortbildungen gemacht und Trainings absolviert. Das absolut effektivste und spaßigste Training für mich ist das Improvisationstheater. Ich kenne kein anderes Tool, Systemik oder Coaching, welches auf so leichte Art Themen vermittelt, Erfahrungen ermöglicht und darüber hinaus eins zu eins in den Job übertragbar ist. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung von der Theorie des Improvisationstheater und ich bin noch dazu eine schüchterne Anfängerin auf der Bühne. Um so schöner ist, dass ich aus der Theatererfahrung heraus sehr viele Erkenntnisse für mich, mein Leben und natürlich meinen Beruf gewonnen. Diese möchte ich gerne teilen und habe dazu für Edition F die Schauspielerin Dorothea Anzinger interviewt. Meine klare Empfehlung vorweg: Einfach mal ausprobieren – es gibt in jeder größeren Stadt Improtheatergruppen, die Schnupperabende anbieten. Nun aber zum Interview:

Die Schauspielerin Dorothea Anzinger coacht Führungskräfte mit den Techniken des Improtheaters. Ich habe sie gefragt, was wir alle vom Improtheater für unser Auftreten im Job lernen können.

Schnelligkeit und Spontaneität – auch im Job gut brauchbar

Dorothea Anzinger kam nach ihrer TV-Karriere zum Improtheater – und war sofort begeistert. Heute erklärt sie Führungskräften, wie sie die Schnelligkeit und die Spontaneität des Improtheaters auf das eigene Arbeitsumfeld übertragen können. „Auf der Bühne des täglichen Miteinanders muss jeder spontan, reaktionsfähig und flexibel bleiben“, sagt sie. Im Interview spricht sie darüber, wie wir alle dank Improvisation zu einem besseren Miteinander im Job kommen können.

Was macht dir am Improtheater persönlich am meisten Freude?

„Improtheater ist für mich die faszinierendste Theaterform, die ich kenne. Ich liebe es, mit anderen Menschen Geschichten zu erfinden, sich gegenseitig zu inspirieren und gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um das Publikum zu begeistern. Es gibt weder Text, noch Drehbuch, noch Absprachen. Ich bin Regisseurin, Autorin, Ausstatterin, Spielerin, Unterstützerin in einer Person, Selbsthandlerin und Selbstdenkerin. Alles geschieht im Moment. Und das erfordert absoluten Fokus und Präsenz, klare Kommunikation und Wertschätzung für den Partner und schnelles Reaktionsvermögen, mit allem umzugehen, was gerade passiert und es sinnvoll in die Szenen einzubauen.“

Und wie kamst du dazu?

„Ich habe nach beendeter Fernsehkarriere nach einer neuen Inspiration gesucht. Eine Freundin von mir, die Liedermacherin Veronika Faber, hat mich dann auf eine Annonce im Prinz aufmerksam genacht. Das Improtheater TATWORT suchte neue Mitspieler. Also habe ich mich gemeldet und bin glatt beim Casting ausgesucht worden. Ich hatte Impro zu dem Zeitpunkt noch nie gesehen. Das holte ich nach und war geplättet. Ich habe nach der Show die Kollegen angesprochen und gesagt: ,Schön, dass ihr mich wollt, aber DAS kann ich nicht. Das ist ja der Hammer. Wie macht ihr das?’ Die haben nur gelacht und gesagt: ,Arbeite erstmal mit uns, dann sehen wir weiter.’ Tja , und nun stehe ich seit über 20 Jahren erfolgreich auf der Improbühne….“

Ist das nur etwas für Schauspieler oder kann das jeder?

Das kann jeder! Wir alle improvisieren doch andauernd in unserem Alltag, nur nehmen wir es als solches kaum wahr. Wie oft muss ich in einem Moment auf unerwartete Situationen reagieren? Wie oft verlassen wir unseren Plan, weil sich Parameter ändern? All das ist Improvisation. Nur nehmen wir diese Fähigkeit zur Improvisation im Alltag nicht als ,Kunst’ wahr. Das passiert dann oft erst im Theater oder in der Musik. Die Fähigkeit – schnelle Reaktion, Flexibilität, klares Miteinander, mit dem Partner gehen, JA zu Her­aus­for­de­run­gen zu sagen – all das kann jeder trainieren und stärken.“

Für wen ist Improtheater gedacht?

„Impro ist ein Energizer. Es macht einfach unglaublichen Spaß, im Publikum zu sitzen und mitzufiebern, wie die Spieler auf der Bühne schwitzen und unerwartete Situationen meistern. Das ist fast wie Fußball, je nach Format. Und oft kommen Menschen nach den Shows begeistert auf uns Spieler zu und möchten lernen, auch so spontan zu sein.“

Was muss man dafür mitbringen?

„Offenheit und Neugier, den Spaß, sich selbst zu begegnen und Freude an Kooperation mit anderen, die Lust darauf, die Welt wieder neu zu entdecken und Dinge auch mal in Frage zu stellen – wie wir es als Kinder getan haben. Wenn ich Firmentrainings gebe ist es immer wieder spannend zu sehen, wie viele zuerst den ,Theatertechniken’ skeptisch gegenüber stehen, und am Schluss wollen sie gar nicht mehr aufhören, weiter zu lernen und alles in Szenen anzuwenden.“

Und kann ich da als jemand in einer Führungsposition profitieren?

„Und wie! Wir Improspieler haben ein klares Commitment zum Team und zum ,Miteinander’ und leben das auf der Bühne, also unserem Arbeitsplatz. Wir lassen uns bei einem vermeintlichen Fehler nicht im Regen stehen, sondern integrieren unerwartete Ideen, um die Story noch bunter und au­ßer­ge­wöhn­li­cher zu machen. Wir ,reframen’ sozusagen, nehmen den ,Fehler’ und schauen, was für Möglichkeiten da drin stecken, ihn zu nutzen. Vor allem: Ich bin in meiner Individualität und als Teamspieler gleichzeitig gefordert. Das macht den Reiz für mich aus, ich kann ,Rampensau’ und Supporter sein und werde mit beiden Anteilen gewünscht und gebraucht. Und genau diese Fähigkeiten braucht auch eine Führungsperson im alltäglichen Business. Und alles, was ich vorhin gesagt habe, stärkt jedes Team und jede Führungspersönlichkeit im Alltag.“

Wenn ich Präsentationen halte oder moderiere – ist Improtheater dann ein spannendes Werkzeug?

„Auf alle Fälle. Die Fähigkeit, punktgenau im Moment zu reagieren, bei sich zu bleiben, Störungen zu integrieren und mit dem Publikum zu interagieren, das braucht jeder Vortragende. Jemand, der improvisieren kann, ist in jeder Situation souverän und gelassen und lässt sich durch nichts, rein gar nichts, aus der Ruhe bringen.“

Und lerne ich auch fürs Leben etwas?

Absolut. Ich habe immer gescherzt: Andere machen eine Therapie, ich spiele Theater. In keiner anderen Schauspielform hätte ich all meine ,inneren Teammitglieder’ besser kennen lernen können. All die unterschiedlichen Anteile in mir dürfen an die Oberfläche und werden gebraucht. Ich bin immer gefordert, mit all meinen Stärken und Ideen. Und das stärkt das Selbst­be­wusst­sein ungemein. In all den Jahren habe ich eine innere Haltung entwickelt, die dem Leben positiv gegenüber steht, die sich auf das fokussiert was funktioniert, weniger perfektionistisch ist und mit dem umgeht, was gerade kommt. Die Achtsamkeit für den Moment steigt und Chancen werden schneller gesehen und genutzt. Und…ich bin mir immer bewusst, dass – egal wie gut ich gerade auf der Bühne bin – ich das nur bin, weil ich wunderbare Kollegen habe, die mir zuspielen und mich unterstützen.“

Gibt es Übungen oder Profitipps von dir, die ich in meinen Alltag integrieren kann?

„Ja, die gibt es: Erstens: Sag JA zu dem Partner, mit dem du gerade arbeitest. Nimm ihn, wie er ist und konzentriere dich auf das was, euch verbindet, auf seine Stärken, die er hat. Zweitens: Bleib gelassen, wenn was schiefgeht. Suche als erstes nach einer Lösung für das Problem, mit all den Ressourcen, die gerade zur Verfügung stehen. Und wenn wieder alles glatt läuft, dann – und erst dann – analysiere, was passiert ist, und lerne daraus. Drittens: Mach klare Angebote in der Kommunikation und höre auf, in negativen Formulierungen zu sprechen. Viertens: Sei dir bewusst, dass jeder um dich herum dazu beiträgt, wie du performst und sei dankbar dafür.“


Ersterscheinung auf Edition F | „Andere machen eine Therapie, ich spiele Theater“ – die Kunst der Improvisation im Job

 

 

Wie fühlen Sie sich nach der Lektüre dieses Blogbeitrags?