Katharina Starlay ist Imageberaterin, Modedesignerin und Mitglied des Deutschen Knigge-Rats. Unsere Community-Autorin Christiane Wolff hat mit ihr über den neuen Duz-Wahn vieler CEOs und die Wirkung von Kleidung auf unser Selbstbewusstsein gesprochen.

Eine neue „Casualisierung“?

Gibt es eine neue, unangemessene Lässigkeit in der deutschen Wirtschaft, Stichwort neue Duz-Manie? Wie halte ich es mit meinen Tattoos im Jobumfeld? Und gibt es das überhaupt: Regeln für das Outfit im Business-Kontext, die für alle gelten? Katharina Starlay ist Modedesignerin, Stilexpertin und Buchautorin. Außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Knigge-Rates und schreibt bei unserem Partner Manager Magazin eine Stilkolumne namens „Starlay Express“. Wenn es um Etikette und Stil im Business-Kontext geht, dann ist sie die richtige Ansprechpartnerin.

Inwieweit unterscheiden sich eigentlich Dresscodes im Business im internationalen Kontext?

„Vielleicht ein Beispiel aus dem Sommer: Frauen tragen zum Beispiel heute auch mal ein Sommerkleid ohne Strümpfe. Dem entgegen steht aber die Frage, ob das auch international Anerkennung finden wird. Keine Amerikanerin oder Asiatin würde auch bei größter Hitze ohne Strümpfe Geschäft machen wollen. Wer sich also wirklich international und informiert zeigen möchte, verzichtet – wenn es wichtig wird – nicht auf einen hauchfeinen Strumpf. Als Spielregel kann gelten: Im Geschäftsleben mit internationalen Partnern und in geschlossenen, klimatisierten Räumen sollte eine Frau Strümpfe zum Rock tragen, zur Hose nicht zwingend. Der zweite Aspekt sind die Stoffe: Kostümstoffe und nackte Beine sehen zusammen einfach schaurig aus. Dagegen kann bei Anlässen, die ein leichtes Sommerkleid aus entsprechendem Stoff erlauben, auch der Strumpf wegbleiben. Dieses Beispiel zeigt, wie differenziert die Sache ist. Kleidung sollte im Beruf mehr als im Privatleben empfängerbezogen sein. ,Was sieht der andere – und was liest er daraus?’ Dieser Gedanke hilft beim morgendlichen Anziehen.“

Im Schwimmbad und am Strand habe ich dieses Jahr kaum noch Menschen gesehen, die keine Tätowierungen haben. Wie gehe ich damit um? Darf ich das zeigen oder muss ich das verstecken?

„Das ist eine Zeitgeisterscheinung und bleibt dennoch Privatsache. Mit den immer mehr verschwimmenden Grenzen zwischen Beruf und Privat stellt sich aber natürlich die Frage, wie ich damit im Job umgehe. Auch hier würde ich einen strengen Blick darauf werfen, wen ich treffen und überzeugen möchte. Nicht alle Betrachter können damit umgehen, und um die Diskussion vom Tisch zu haben, sollte ich feinfühlig mit der Show privater Statements umgehen. Im Zweifelsfall würde ich immer mehr als weniger anziehen – und in einigen Branchen sind Tattoos dezidiert nicht erwünscht.“

Ich selbst habe mal als Stewardess bei Lufthansa gearbeitet und fand es sehr spannend, einmal meine Kleidung, meine Frisur und mein Make-up vorgeschrieben zu bekommen. Jetzt arbeite ich bei Serviceplan und kann eigentlich anziehen, was ich möchte. Wie stehst du zum Thema Uniform im Job?

„(lacht) Als Designerin von Firmenkleidung habe ich natürlich ein gutes Verhältnis dazu. Es entspannt und erübrigt die Frage, was ich morgens anziehen soll. So verhält es sich auch mit einer freiwilligen Uniform. Dennoch will auch jeder Dresscode – der ja nur den Rahmen an Formalität vorgibt – mit Leben gefüllt werden. Und jede Uniform mit Persönlichkeit.“

Gibt es eigentlich den Casual Friday noch? Was hältst du von solchen Anordnungen im Büro?

„Das ist ein Relikt aus Zeiten, als der Freitag für Büroarbeit ohne feste Termine reserviert war. Wer hat das heute schon noch? Das Problem war, dass bei dem ausgerufenen Dresscode ,Business Casual ’ viele nur noch ,Casual’ verstanden haben und dann in unpassenden Looks erschienen. Wo ,Business’ draufsteht, ist aber immer noch Business drin – auch am Freitag im Umgang mit Kollegen, Chefs und Geschäftspartnern, die den Tag eben nicht als Übergang ins Wochenende – sondern als vollwertigen Arbeitstag sehen. Wer seinen Job gerne macht, braucht diese vorgetäuschte kürzere Arbeitswoche ohnehin nicht.“

Und wie steht die Generation Y, die dafür bekannt ist, ihr eigenes Ding machen zu wollen, zu solchen Kleiderordnungen? Und wie kann man überhaupt Menschen davon überzeugen, dass sie im Job einem bestimmten Dresscode folgen sollen?

„Die jüngeren Generationen haben weniger Probleme damit, als wir so meinen. Die wollen schon dazugehören, suchen aber innerhalb dessen größte Entfaltungsmöglichkeiten. Das Problem sind eher Firmen und Vorgesetzte, die nicht dazu stehen. Das ist doch wie in jeder guten Verhandlung: Wer Schwächen zeigt, hat verloren. Wenn die Spielregeln aber von vornherein klar sind und schon im Einstellungsgespräch formuliert werden, entsteht die Diskussion gar nicht. Und wer sagt, dass Dresscodes langweilig sind? Wer sich mal traut, vom Mainstream weg zu denken, kann so viele Ausdrucksmöglichkeiten entdecken.“

Wie verhält es sich mit dem Trend zu Duzen? Ist das die einzige Lösung?

„Nein, überhaupt nicht. Die Anrede im Englischen und Amerikanischen mit ,you’ und Vornamen ist auch nicht 1:1 mit einem ,Du’ zu übersetzen, das ist ein Missverständnis. Der Duz-Trend wird von Managern forciert, die in den letzten Jahren Start-ups besucht haben und die lässig-junge Attitüde nun als Stilmittel nutzen, um Nahbarkeit und flache Hierarchien zu demonstrieren. Das ist Teil des Employer Branding, man will damit attraktiv für den Nachwuchs werden. Nur sind die Hierarchien noch immer da – und viele Firmen leben noch immer vom persönlichen menschlichen Kontakt und können sich nicht in ein Start-up-Büro zurückziehen. Da bleibt die Ansprache genauso wie die Kleidung bedeutsam. Ich persönlich liebe die Ansprache mit ,Sie’ und Vornamen, die ich für eine moderne, international gangbare Zwischenlösung halte. Es kann aber sein, dass das ,Du’ langfristig nicht aufzuhalten sein wird.“

Gibt es denn Untersuchungen darüber, inwiefern Kleider und ein bestimmtes Auftreten auf den Job Einfluss ausüben? Oder ist das nur eine Gedankenwelt?

„Überleg’ doch einmal, wie sich deine Körperhaltung verändert, wenn du nur die Schuhe und die Absatzhöhe wechselst. Genauso ist es mit der inneren Haltung, wenn ich Kleidung trage. Mit meinem Look und auch der Sorgfalt, mit der ich ihn zusammenstelle, zeige ich doch auch Wertschätzung gegenüber dem Anderen, dem Anlass und mir selbst. Es ist so schön, sich schick zu machen – und das strahle ich dann aus, auch im Job. Das ist auch ein heißer Tipp für die Arbeit im Homeoffice: Sich ein bisschen schick zu machen und auch Schuhe zu tragen! Ein Gesprächspartner am Telefon hört das.“

Wie entdecke ich überhaupt meinen eigenen Stil und bin mir sicher, was zu mir passt? Nicht jeder kann – oder will – sich einen Stilberater leisten. Hast du da ein paar Tipps?

Der eigene Stil hat einerseits mit den Äußerlichkeiten zu tun: Welche Farben bringen mich zum Leuchten? Welche Stoffe harmonieren mit meiner Körperlinie? Die Mode neigt zum Kaschieren – also gegen die Linie zu arbeiten. Das ist anstrengend. Wenn man aber mit den Gegebenheiten arbeitet, rücken die individuellen Vorzüge mehr in den Vordergrund. Dann sieht man zum Beispiel erst die Augen, dann die Brille. Erst den Menschen, dann die Farbe. Viel auszuprobieren und realistisch zu betrachten kann ein Weg sein. Andererseits hat der persönliche Stil mit der Persönlichkeit zu tun. Diese will ohne Wunschdenken eingekleidet werden. Ein Tipp ist: Je weniger ich nach rechts und links schaue, sondern in meinen eigenen Spiegel, desto besser komme ich dem eigenen Stil nahe.“

In Bezug auf Frauen: Wie schaffe ich es denn, besonders viel Macht auszustrahlen, falls ich das möchte?

„Die Ansätze sind ,Innere Haltung – Kompetenz – Kleidersprache’. Was ich von mir selbst glaube, strahle ich auch aus. Und die beste Kleidung kann nicht darüber hinwegtäuschen, wenn ich in meinem Fachgebiet nicht firm bin. Wenn diese Grundlagen aber gegeben sind, kann die Kleidersprache expressiv, sichtbar und hörbar werden. Dann werden Frauen groß.“

Wie viel Weiblichkeit darf ich im Job denn überhaupt zeigen? Wo ist die Grenze?

„Da hilft wieder die Empfänger-Perspektive: Wenn ich als filigrane Frau mit nicht so großer Körperhöhe mein Dekolleté in Ordnung finde, heißt das noch lange nicht, dass mein zwei Meter großer Geschäftspartner mit seinem ganz anderen Blickwinkel das genauso sieht. Wichtig ist immer die Sicht des anderen. Femininität wird heute leider zu oft auf ,viel Haut’ heruntergebrochen – dabei ist es die Kunst, die Frau im Menschen sichtbar zu machen, ohne sie dabei auf Attribute zu reduzieren.“

Wie verhalte ich mich, wenn eine Kollegin oder ein Kollege etwas Unpassendes anhat, eventuell schlecht riecht oder einen Fettfleck auf der Bluse oder dem Hemd hat?

„Bitte sich vergegenwärtigen, wie peinlich es mir selbst wäre. Also am besten so schnell wie möglich die Gelegenheit für einen kurzen Vier-Augen-Talk suchen und es ansprechen: Mit Einverständnis des Empfängers und als persönliche Wahrnehmung formuliert. Dabei immer zeigen, dass man es gut mit dem anderen meint. Der oder die ist in der Regel dankbar.“

Was sollte jede Frau im Kleiderschrank haben?

„Selbstbewusstsein und Kleider, die sie glücklich machen. Eine ,Hosenfrau’ sollte sich beispielsweise mit Röcken nicht abquälen. Außerdem gehören Schuhe in der Absatzhöhe hinein, in der sie sich elegant bewegen und dabei sicher fühlen kann. Dann hat sie Energie für das Eigentliche: Die Eleganz des Geistes.“


Ersterscheinung auf Edition F | Warum dein Gesprächspartner am Telefon hört, was du anhast

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