Wie lernt man wieder, die eigenen Gefühle zu deuten und sie auszuleben, wenn man sonst vor allem dem Verstand vertraut? Ein Interview mit Yin Yoga-Expertin Tanja Seehofer und Mental- sowie Persönlichkeitstrainer Thomas Frei.

„In jedem Menschen gibt es tiefe Sehnsüchte, aber durch Ängste werden diese Träume oft nicht ausgelebt“

Was bringt mich weiter im Leben, eher meine Gefühle oder doch der Verstand? Letztlich kann die Antwort wahrscheinlich nur eine Mischung aus beidem sein. Was simpel klingt, wird aber dann schwierig, wenn man verlernt hat, die eigenen Gefühle wirklich zu deuten. Yoga-Expertin Tanja Seehofer und Mental- sowie Persönlichkeitstrainer Thomas Frei beschäftigen sich mit Methoden, um genau das (wieder) zu lernen.

Ein Gespräch über die Gefühlswelt und warum es so wichtig ist, einen Zugang dazu zu haben.

Liebe Tanja, lieber Thomas, ihr habt eine Methode entwickelt, die eine Verbindung zwischen Yin-Yoga und Persönlichkeitsentwicklung schafft. Was hat sie zum Ziel?

Tanja: „Im Yoga geht es um Entspannung und Bewusstsein, was die Basis ist für den Zugang nach Innen. In der Persönlichkeitsentwicklung geht es um Reflektion, Zugang zum Unbewussten, sowie sein eigenes ‚Ich‘ wahrnehmen. Durch die Kombination von beiden Elementen entsteht eine neue Symbiose der Ganzheit. Man bekommt einen Zugang zur Quelle und der inneren Weisheit. Man wird sich bewusst über den Körper und die Psyche, somit das eigene Leben. In jedem Menschen gibt es Bedürfnisse und tiefe Sehnsüchte, aber durch emotionale Blockaden oder Ängste, werden diese Träume oft nicht ausgelebt.“

„Wut kann zerstörerisch sein, aber auch hilfreich bei Entscheidungen.“

Es geht bei beiden Teilen ganz viel um Gefühle und das Spüren. Haben wir in unserer westlichen Welt verlernt, darauf zu hören und sie zu leben?

Thomas: „Die meisten Menschen sind ‚verkopft‘, also im Verstand und im logischen Denken unterwegs. Demzufolge werden viele Gefühle abgeschnitten, die enorm wichtig sind. Denn Gefühle sind Kräfte die für oder gegen einen sein können. Wut kann zerstörerisch sein, aber auch hilfreich bei Entscheidungen. Angst kann lähmen, aber auch sehr viel Intuition bringen. Trauer kann depressiv machen oder einen in die Liebe und Demut bringen. Schuld oder Scham kann einen selber zerfleischen und klein machen oder in die wahre Grösse bringen.“

Gibt es eurer Erfahrung nach Unterschiede darin, wie stark Frauen und Männer auf ihre Gefühle hören und sie ausleben?

Tanja: „Beide Geschlechter haben damit ihre Herausforderungen. Aber jeder geht damit anders um. Männer ziehen sich eher zurück und machen es mit sich aus. Frauen reden häufiger darüber und lassen ihren Emotionen eher freien Lauf. Und ganz generell werden in der Arbeitswelt Gefühle oft nicht gezeigt, weil sie eben auch unberechenbar sind. Dort herrscht eher Kontrolle und man muss funktionieren sowie Leistung bringen.

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Das stimmt, aber wir sind ja keine Maschinen. Sollte man denn in der Arbeitswelt wirklich möglichst nicht auf die Gefühle hören, sie auch benennen und am Ende auch ausleben?

Thomas: „Doch, natürlich. Manager und Führungspersönlichkeiten die auf ihre Gefühle hören, haben oft einen guten Instinkt oder Riecher. Es sind nicht immer die Zahlen, Daten und Fakten die richtige Entscheidungen bringen. Oftmals sind es Bauchentscheidungen welche zum Erfolg führen. Es soll schlussendlich ein Mix von beidem sein. 
Und doch sind wir weit weg davon Gefühle zu zeigen, denn das macht verletzlich und angreifbar. 
Sehr oft spielen Führungskräfte und auch jeder andere Arbeitnehmer einfach nur eine Rolle, aus der sie zuhause wieder aussteigen und sich in ihrer Gesamtheit zeigen. Dabei wäre es sinnvoll, diese Trennung zumindest ein Stück weit aufzugeben.“

„Wenn wir nur jeden Tag Sonnenschein haben, dann ist es zwar toll, aber in der Wüste wächst nichts.“

Warum tun wir uns denn generell oft so schwer, über unsere Gefühle zu reden und sie auszuleben?

Tanja: „Wir haben Angst! Angst vor Verletzung. Angst mit einem Gefühl konfrontiert zu werden, was uns das Leben schwer macht! Wir sind es nicht gewohnt, dass jedes Gefühl da sein darf und dass es zum Leben dazu gehört, wie der Regen zum Wetter. Wenn wir nur jeden Tag Sonnenschein haben, dann ist es zwar toll, aber in der Wüste wächst nichts. Es braucht auch den Regen, den Hagel, die Wolken, den Wind. Genau so braucht es alle Gefühle damit wir wachsen, entwickeln und erfahren können. Doch haben wir nicht gelernt damit umzugehen. Wir lehnen beispielsweise Wut oder Trauer immer noch sehr stark ab. Frauen dürfen oft keine Schwäche zeigen oder sich mal klein fühlen oder bedürftig sein. Doch oft sind gerade das die Schlüssel, um weiterzukommen.“

Wie kann Yoga mir dabei helfen, meine Gefühle neu zu leben?

Tanja: „Im Yoga, vor allem in der Yin-Yoga Praxis, nehmen wir unseren Körper von Moment zu Moment wahr. Wir lernen, unsere Grenzen zu erspüren und jeden Augenblick bewusst zu erleben. Wir üben uns in Geduld und in Selbstbeobachtung. So ist erfahrbar, wo wir uns gerade unter- oder überfordern. Mit dem Geist eines Anfängers bewegen wir uns in einem Bereich aktiver Körpererfahrung.

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In den Asanas richten wir unser Bewusstsein auf die Empfindungen im Körper und trainieren dabei die Rolle des Beobachters. Wir sind Zuschauer mit dem Wissen: es entsteht, es vergeht. Mit unserer Aufmerksamkeit sind wir ganz im Hier und Jetzt. Wir trainieren unsere Geduld, das Annehmen dessen, was ist. Was fühlen und empfinden wir? Was macht das mit uns, was löst es aus? In der Yin Yoga-Haltung wird alles, was ist, zum Gegenstand unserer Meditation. Wir akzeptieren ohne Verlangen oder Abneigung. Wir ertasten unsere Grenzen, und achten Hier und Jetzt auf uns.

Diese Sichtweise hilft uns auch im Alltag, mit unangenehmen Gefühlen und Empfindungen anders umzugehen als bisher und letztendlich Selbsterkenntnis zu erlangen. Wir entwickeln Fokus, Konzentration, innere Ruhe und Gelassenheit sowie das Bewusstsein, Dinge so anzunehmen wie sie kommen und zu spüren, was das mit uns macht. Unsere Reaktionen im Alltag sind klarer, wir agieren in Weisheit und reagieren nicht mehr mit unserem (alten) Ego-Verhalten.“

Ein weiterer wichtiger Teil ist das Thema Ziele zu erreichen. Für die meisten Menschen ist es erst mal schwierig, genau zu wissen, was sie wollen. Wie kann man das angehen?

Thomas: „Schließe die Augen und beantworte in tiefer Ruhe folgende Antworten: 
Wonach sehnst du dich wirklich im Leben? 
Was würdest du gerne tun, wenn das Geld keine Rollen spielen würde? 
Was würdest du anders machen, wenn es nicht um Anerkennung oder Leistung geht, sondern nur um Erfüllung und Glück? 
Wenn du keine Angst hast, was wäre dann möglich? 
Wonach sehnst du dich als Frau? 

So findest du heraus, was du wirklich willst. Danach geht es darum zu erkennen welche Gedanken und Gefühle dich davon noch abhalten. Durch welche Angst oder welchen Widerstand müsstest du gehen um das Ziel zu erreichen?

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Und wir alle kennen sie, die inneren Schweinehunde, die Ängste und Blockaden. Wie gehe ich damit um und wie kann ich dennoch mein Ziel erreichen?

Tanja: 
„Werde dir bewusst was deine inneren Bremser sind! Stelle dich der Angst, denn sie ist nicht real, sondern nur im Kopf. Meist gekoppelt an frühere negative Erfahrungen welche dann eine innere Überzeugung erzeugt haben. Löse die Angst oder gehe mit der Angst mutig durch etwas hindurch.“

Die wenigsten Menschen können oder wollen aus dem normalen Business-Alltag ausbrechen. Gibt es einen simplen Weg, dennoch bewusster für sich selbst zu werden?

Thomas: „Erkenne deinen Antreiber: Warum tust du alles so, wie du es bisher gemacht hast? Ist es wegen der Anerkennung? Dem Status, der finanziellen Freiheit, Sicherheit, Unabhängigkeit oder Lob? Wenn du es verändern willst, welchen Preis musst du bezahlen? Macht er dir Angst und lähmt er dich oder bist du bereit da hindurch zu gehen?“

Und welchen Tipp wollt ihr zu guter Letzt noch weitergeben?

Thomas: „Werde dir einfach bewusst was du wirklich tief im Innern willst! Sei ganz ehrlich zu dir selber und höre auf dir ständig etwas vor zu machen oder dich anzulügen. Erlaube dir deine Bedürfnisse zu fühlen und dann sei mutig für die Veränderung. Trete aus der Komfortzone heraus und geh durch die Angst hindurch.“


Erstveröffentlicht auf editionf.com

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